Von Null auf 100: Pflege in der Notaufnahme

Der Pflegealltag in den deutschen Notaufnahmen hat sich stark verändert: Bevölkerungswachstum und zunehmendes Alter der Menschen schlagen sich auch hier nieder: Immer mehr Menschen mit unterschiedlichsten Bedürfnissen warten vor den Türen der Notfallambulanzen. Doch oft können diese nicht Schritt halten mit den höheren Anforderungen an Kapazitäten und Personal. Welche Herausforderungen bedeutet das für die Pflegekräfte? Wir haben die Krankenschwester Senay C. einen Tag lang im Klinikum Landkreis Erding begleitet, um herauszufinden, was ihren Beruf heute ausmacht.

Pflege in der Notaufnahme

An der Tür zwischen Notaufnahme und Stationszimmer wird es voll, Ärztinnen und Ärzte, Rettungs- und Pflegekräfte drängen sich für eine Besprechung in den kleinen Raum direkt rechts vor dem Wartebereich. Nur Senay C. schlängelt sich ungerührt zwischen den Menschen und Gesprächsfetzen, leeren Krankentragen und klingelnden Telefonen hindurch, um den nächsten Patienten hereinzuholen. Seit dem letzten Mal, als sie die Tür geöffnet hat, ist es ruhig geworden, nur noch drei Patienten sehen sie erwartungsvoll an.

Als Nächstes ist ein älterer Herr an der Reihe, er wirkt schwach und muss sich beim Aufstehen fest auf die Stuhllehne stützen. Ob er eine Begleitung dabei habe? Er schüttelt langsam den Kopf und blickt wortlos zu Boden. Senay C. greift ihn daraufhin unter den Arm und bugsiert ihn liebevoll zu einem großen Untersuchungsraum auf der rechten Seite des Gangs.

Im Behandlungsraum: Eine Krankenschwester beugt sich über einen Patienten, um Fieber zu messen.

Senay C. hat in der Notaufnahme wichtige Aufgaben: Sie muss etwa den Zustand der wartenden Patientinnen und Patienten richtig einschätzen und festlegen, wer zuerst behandelt wird. Lebensbedrohlich Verletzte haben dabei immer Vorrang vor schweren und leichteren Fällen. (Foto: Thomas Dashuber/VdPB)

Raum Nummer 6 ist groß, alles scheint zweckmäßig angebracht zu sein. Die Pappboxen mit den Einmalhandschuhen sind auf Ellenbogenhöhe angeschraubt, man muss nur reingreifen. Die grauen Schränke mit ihrem lebensrettenden Inhalt sind mit riesigen Buchstaben beschriftet. „C“ steht für Zugänge und Infusionen, ein genauso eindrückliches „E“ für Verbandsmaterial und Magensonden, daneben warten Notfallwagen und Absauggeräte, Monitore und Atemmasken auf ihren Einsatz.

Wenn die Wände Geschichten erzählen könnten, wären es dramatische vom Kampf um Leben und Tod, denn Raum Nummer 6 ist ein Schockraum. Hier behandeln interdisziplinäre Teams von Ärztinnen, Ärzten und Pflegern schwerste Verletzungen – aus Verkehrsunfällen etwa. Sie reanimieren Menschen mit Herzstillständen und lebensbedrohlichen inneren Blutungen, sie halten Schwerverletzte mit Elektroschocks und Beatmungsgeräten am Leben, bis klar ist, wie sie weiterbehandelt werden müssen. Wenn aber gerade kein schwerer Fall angemeldet ist, benutzt das Team Raum 6 als normales Untersuchungszimmer, man denkt praktisch. Heute legt Senay C. hier den älteren Herrn auf die Liege.

Kurz erklärt: Schockraum

Der Schockraum ist ein wichtiger Bestandteil der Notaufnahme. Er ist die Schnittstelle zwischen Krankentransport und Krankenhaus, denn hier kommen schwerverletzte Patienten an. Diese werden sofort von interdisziplinären Ärzteteams behandelt, um ihren Zustand zu stabilisieren und das weitere Vorgehen zu klären. Vom Schockraum aus werden die Patienten dann in den Operationsbereich oder die Intensivstation verlegt, wo sie weiterbehandelt werden.

Ihre Brusttasche beult sich unter einer Last von Stiften und Namensschild weit nach unten aus, als sie sich vorbeugt, um bei dem Mann Temperatur und Blutdruck zu messen. Sie fragt ihn, was der Grund für seinen Besuch sei. Aus der Akte kann sie erkennen, dass er häufiger Gast in der Notaufnahme ist. Überhaupt nutzt Senay C. die Grunduntersuchung, um herauszufinden, was genau los ist. Sie sagt: „Wir sind bessere Informationssammler als Ärzte – was wir in den Gesprächen mit den Patienten herausfinden, ist für alle wertvoll. Oft merke ich dabei aber auch, dass das Problem eigentlich ganz woanders liegt.“

Routiniert legt sie dem älteren Herrn einen Zugang in die rechte Armbeuge und nimmt mehrere Röhrchen Blut ab, während sie ihn geschickt mit Fragen ablenkt. Er erzählt von starker Schwäche, davon, dass er seit dem Tod seiner Frau ganz alleine hier lebt. Sein norddeutscher Dialekt lässt vermuten, dass ihn eine Tagesreise von seinen erwachsenen Kindern trennt. Senay C. hält seine Hand, während sie ihn über die nächsten Schritte aufklärt.

Übersichtsaufnahme: Senay C. führt einen älteren Herrn aus dem Schockraum.

Senay C. führt den älteren Herrn, den sie zuletzt versorgt hat, aus dem Behandlungsraum und bringt ihn zurück in den Wartebereich. (Foto: Thomas Dashuber/VdPB)

Faszination Krankenhaus

Die 40-Jährige ist ein echtes Erdinger Kindl. Schon seit ihrer Geburt ist sie mit dem Krankenhaus, in dem sie heute arbeitet, verbunden. Denn ihre Mutter hat sie nicht nur im Kreißsaal der Klinik zur Welt gebracht, sondern auch als Reinigungskraft im Krankenhaus gearbeitet. „Nach der Schule sind wir immer rübergekommen und haben ihr geholfen“, erzählt Senay C. „Ich fand es schon von Anfang an faszinierend hier. Deshalb war es ganz klar für mich, dass ich Krankenschwester werden wollte.“ Nach einer Ausbildung zur Pflegehelferin und dem Examen im Jahr 2000 hat sie Erfahrung auf verschiedenen Stationen gesammelt. Vor acht Jahren dann hat sie in die Notaufnahme gewechselt – weil sie das Akute interessiert und weil sie es mag, von Null auf 100 da sein zu müssen.

„Das Beste ist aber die Abwechslung“, sagt Senay C. Die türkischstämmige Frau mit dem dicken, dunkelbraunen Zopf ist geerdet, belastbar. Deshalb gefällt es ihr auch, dass sie jeden Tag etwas Neues dazulernt, und dass man ein richtig dickes Fell haben muss. „Man hat keinen Einfluss darauf, wie der Tag verläuft. Es ist oft stressig, man kann nicht alle Menschen zufriedenstellen.“ Das dicke Fell braucht sie auch, wenn wieder Missstimmung im Wartebereich herrscht. „Warum kommt die Frau vor mir dran, ich war zuerst da?“ Oder „Meine Mutter wartet jetzt schon zwei Stunden, holen Sie sie sofort herein!“ sind da noch die freundlicheren Zurufe der Wartenden. „Man muss sich angewöhnen, geduldig und vor allem auch bestimmt mit den Leuten umzugehen, sonst hat man keine Chance“, erzählt Senay C. Während die Notaufnahme seit vielen Jahren unverändert dieselbe Kapazität aufweise, kämen aber immer mehr Patienten zur Behandlung, berichtet sie. Der Anteil von psychisch Erkrankten und älteren Menschen habe signifikant zugenommen. Und damit einher gehe eine bestimmte Erwartung an Pflegekräfte und Ärzte: dass sie mehr Zeit für die Patienten haben.

„Für die Arbeit in der Notaufnahme braucht man vor allem Fachwissen, Menschlichkeit, Profession und eine große Liebe zur Arbeit. Wenn die nicht da ist, verkraftet man das nicht über einen längeren Zeitraum“

Unsere Arbeit hat sich stark verändert

Die Arbeit in der Notfallambulanz hat sich in den letzten Jahren stark verändert, berichtet Senay C. Die Menschen in Deutschland werden immer älter, dementsprechend kommen auch immer mehr hochbetagte Patientinnen und Patienten in die Notaufnahme, die eine intensive Behandlung brauchen. Allgemein, so erzählt Senay C., würden die Gründe, in die Notaufnahme zu kommen, immer breiter gestreut. Und die Aggressionen nähmen zu. Viele wüssten gar nicht, wo sie sonst hingehen sollten. „Das Spektrum reicht von einem, der um vier Uhr morgens bei uns auftaucht, um sich die Krawatte binden zu lassen über den gestressten Geschäftsmann, der einfach keine Zeit hat, tagsüber zum Arzt zu gehen. Bis hin zu solchen Patienten, die sich denken ´bevor ich mehrere Tage opfere, um alle Untersuchungen bei niedergelassenen Ärzten zu machen, geh ich halt einmal ins Krankenhaus´“. Ab und zu, so berichtet Senay C., hätten solche Fälle die Notaufnahme auch schon in Situationen blockiert, wo es um Leben und Tod ging. „Manche verstehen einfach nicht, dass nebenan jemand um sein Leben kämpft.“

„Manche verstehen einfach nicht, dass nebenan jemand um sein Leben kämpft.“

  • Gruppenfoto: Mehrere Pflegerinnen und Ärzte stehen in einem kleinen Raum zusammen. Dienstbeginn in der Notaufnahme: Die Übergabe ist ein Muss, damit die nachfolgende Schicht auf dem neuesten Stand ist. Dicht gedrängt stehen dann alle zusammen vor dem Bildschirm im Stationszimmer und sehen sich die Befunde der Patienten an, die noch weiter behandelt werden. (Foto: Thomas Dashuber/VdPB)
  • Übersichtsaufnahme: Sanitäter stehen in einem Krankenhausgang neben einer Krankentrage. Wird ein Notfall für den Schockraum eingeliefert, muss es schnell gehen. Solche schweren Fälle meldet der Rettungsdienst vorher an. Das Team bereitet dann alles für die meist lebensgefährlich verletzten Patienten vor und steht zur sofortigen Übernahme bereit. (Foto: Thomas Dashuber/VdPB)
  • Im Behandlungsraum: Senay C. beugt sich über eine liegende ältere Dame. Eine besonders wichtige Aufgabe des Pflegepersonals in der Notaufnahme ist es, durch Gespräche mit den Patienten herauszufinden, was genau der Grund ihres Besuchs ist. Diese Hintergrundinformationen können für die Behandlung sehr wertvoll sein, denn nicht immer liegen die Patienten mit ihrer Vermutung über ihre Erkrankungen oder Verletzungen richtig. (Foto: Thomas Dashuber/VdPB)
  • Übersichtsaufnahme: Senay C. steht über einen Mann gebeugt, der auf einer Behandlungsliege liegt. Nachdem Senay C. einen Patienten in den Behandlungsraum geholt hat, überprüft sie zunächst seine Vitalfunktionen: Sie betrachtet die Augen, prüft Atmung, Herzfunktion, Blutdruck und Körpertemperatur. So kann die Krankenschwester den Grundzustand des Patienten erfassen. (Foto: Thomas Dashuber/VdPB)
  • Im Behandlungsraum: Senay C. hält Blätter, die aus einem Gerät herauskommen. Das Elektrokardiogramm (kurz EKG) misst die elektrische Aktivität des Herzens über mehrere Elektroden, die an bestimmten Stellen am Körper des Patienten angebracht werden. So kann der Arzt beurteilen, ob das Herz richtig arbeitet und gesund ist. (Foto: Thomas Dashuber/VdPB)
  • Im Behandlungsraum: Senay C. legt eine Kanüle in den Arm eines Patienten. Zu den Grundaufgaben der Pflegekräfte in der Notaufnahme gehört es auch, die Patientinnen und Patienten für die weitere Behandlung vorzubereiten. Unter anderem müssen dafür Kanülen bzw. Zugänge in die Venen gelegt werden. Durch diese können später Infusionen und Medikamente verabreicht oder Blut abgenommen werden. (Foto: Thomas Dashuber/VdPB)
  • Nahaufnahme: Hände tippen auf einem kleinen Computer. Nachdem sie ihre Voruntersuchungen abgeschlossen hat, dokumentiert Senay C. die Ergebnisse in einem kleinen Computer. Alle Stellen des Krankenhauses sind über dasselbe System vernetzt, so können alle Behandler gleichermaßen die Informationen abrufen. (Foto: Thomas Dashuber/VdPB)
  • Übersichtsaufnahme: Zwei Menschen betrachten Röntgenaufnahmen an Bildschirmen. Nachdem alle Untersuchungen beendet sind, betrachten die Ärztinnen und Ärzte die von den Pflegekräften erhobenen Befunde und Laborergebnisse sowie Röntgenbilder oder andere Untersuchungsdokumente, um danach die beste Behandlung für die Patienten anzuordnen. (Foto: Thomas Dashuber/VdPB)
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Dienstkleidung: mehr als nur Stoff

Die Arbeitskleidung von Senay C. besteht aus einem blauen Oberteil und einer weißen Hose. Wenn in der Notaufnahme die Hölle losbricht, erkennen die Beschäftigten einander so auch an den Farben ihrer Oberteile: Mintgrün etwa steht für Endoskopie, Gelb für Physiotherapie, Ärzte tragen Weiß. Dass man die Kleider auskochen kann, ist wichtig, denn sie sehen jede Art von Körperflüssigkeit – von Urin über Stuhl, Erbrochenem und Wundsekret ist alles mit dabei. Und nicht immer landet es unfreiwillig auf der Dienstkleidung der Mitarbeiter. „Es gibt auch Leute, die einen absichtlich anpinkeln oder einem ihr Blut drüberschmieren“, erzählt die 40-Jährige. Und setzt trocken hinterher: „Wenn sich ein Betrunkener auf einem übergibt, braucht man einen festen Magen.“

Nahaufnahme: Eine Person in blauem Hemd und weißer Hose hält Röhrchen mit Blutproben in der Hand.

Kleider machen Leute erkennbar: An der farbigen Dienstkleidung erkennt das Krankenhauspersonal, wer wohin gehört: Blau steht für Notaufnahme, Mintgrün für Endoskopie. Wenn die Notaufnahme voll ist, wird so Orientierung möglich. (Foto: Thomas Dashuber/VdPB)

Senay C. wirkt traurig, wenn sie daran denkt, dass das Arbeiten vor 20 Jahren irgendwie noch ein ganz anderes war und die Aggressivität gegenüber Rettungsdiensten seitdem so stark zugenommen hat. Dann wird schon mal randaliert, Patienten beschimpfen Rettungskräfte und auch gewalttätige Angriffe kommen vor. Dass die Tür zum Warteraum in zwei Richtungen aufgeht, ist dann nicht immer gut.

Immer mehr Aggression

Teilweise, erzählt Senay C., sei das durch Alkohol und Drogen bedingt und auch psychische Erkrankungen würden immer häufiger. Aber vor allem sei es die innere Haltung der Leute, die die Grundlage für ihr aggressives Verhalten stellt: Sie wollen nicht mehr warten, sie haben vor allem in Ausnahmesituationen kaum noch Verständnis dafür, dass ihr Fall vielleicht nicht der Wichtigste ist. Wenn sich die Menschen, denen sie eigentlich nur helfen will, gegen sie richten, ist Senay C. manchmal entsetzt. „Dann muss man Grenzen setzen. Und wenn Kommunikation gar nicht mehr hilft, hole ich auch schon mal die Polizei dazu.“

Gut zu wissen: Kliniken rüsten in Sicherheitsfragen auf

Beleidigungen, Kratzen, Spucken, Beißen: In den letzten Jahren ist die Zahl der Attacken gegen Ärzte und Pflegepersonal in den deutschen Notaufnahmen stark gestiegen. Deshalb rüsten nun auch die Kliniken auf: Mit Sicherheitsdiensten, Alarmsystemen sowie Deeskalations- und Gewaltabwehrtrainings wollen sie ihr Personal schützen. Grund für diese Entwicklung sind das zunehmend höhere Patientenaufkommen in den Notaufnahmen und eine gesunkene Toleranzschwelle in der Bevölkerung.

Quelle: https://www.aerzteblatt.de/

Woher das kommt, weiß Senay C. nicht, aber eines sei ganz offensichtlich: dass die Patienten heute auch in der Notaufnahme verstärkt reden wollen. „Sie erwarten immer mehr, dass man Zeit für sie hat, hoffen auf Zuwendung. Aber das ist gerade hier nicht immer so einfach.“ Trotzdem versucht sie sich auch im größten Stress ein paar Minuten abzuringen. „Durch Gespräche kann man den Menschen ja auch helfen. Wie bei dem alten Herrn vorhin. Seine Blutwerte, das EKG und die anderen Parameter waren altersgemäß unauffällig. Das überrascht mich nicht. Denn eins hab ich im Gespräch mit ihm gleich gemerkt: Er leidet vor allem an einem – an Einsamkeit. Und das kommt hier immer öfter vor.“

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