Ambulante Pflege ist ein Kunstwerk

Armin H. leitet seit vielen Jahren eine wahre Besonderheit im Bereich der Pflegedienste: die „Ambulante Krankenpflege Tutzing e. V.“ Rund 1.200 Vereinsmitglieder erhalten durch ihre Beiträge und Spenden einen Pflegedienst aufrecht, der eine besonders gute Versorgung von pflegedürftigen und schwerstkranken Menschen ermöglicht. Ein Gespräch über Leitungsverantwortung, den Wert von professioneller Pflege und das Besondere am ambulanten Dienst.

Als Pflegeschüler unter Nonnen

Armin H. ist schon viel in Deutschland herumgekommen. Sein Herz hat ihn aber schließlich nach Tutzing zurückgezogen, das er als Zivildienstleistender kennenlernte. Heute leitet er den Verein „Ambulante Krankenpflege Tutzing e. V.“ Dieser unterhält neben einem klassischen ambulanten Pflegedienst auch zwei Tagespflege-Einrichtungen sowie Wohngemeinschaften.

Porträtfoto Armin H.

Armin H. Er ist Pflegedienstleiter beim Verein „Ambulante Krankenpflege Tutzing e. V.“ (Foto: Thomas Dashuber/VdPB)

VdPB: Herr H., wie haben Sie im „Frauenberuf Pflege“ Fuß gefasst?

Armin H.: Ursprünglich komme ich aus dem Rheinland. An ein Pflegepraktikum zu kommen, war damals gar nicht so einfach, denn vor 30 Jahren war es nicht selbstverständlich, dass ein junger Mann in der Pflege eines ordensgeführten Krankenhauses arbeiten durfte. Aber unser Kaplan konnte das für mich einfädeln, er fand, das war das Richtige für mich. Nach meiner Ausbildung bin ich dann über den Zivildienst erstmalig nach Tutzing gekommen. Trotz verschiedener Stationen in anderen Städten – unter anderem als erste männliche Stationsleitung auf einer chirurgischen Frauenstation, die von Ordensfrauen geführt wurde – hat mich mein Herz an den Starnberger See zurückgezogen.

Sie leiten einen Pflegeverein – was hat es damit auf sich?

Den Verein „Ambulante Krankenpflege in Tutzing e. V.“, wo ich seit 23 Jahren als Pflegedienstleiter tätig bin, gibt es seit fast 100 Jahren. Wir unterhalten einen ambulanten Dienst und zwei Tagespflege-Einrichtungen. In der Bevölkerung haben wir einen irrsinnig großen Rückhalt, 1.200 Mitglieder im Verein und rund 100 Mitarbeiter. Obwohl wir keine schwarzen Zahlen schreiben, geht es trotzdem – weil die Versorgung so gut ist, dass durch Spenden die Zahlen wieder passen und wir auf null rauskommen.

Wie sieht ein Standard-Arbeitstag bei Ihnen aus?

Gibt es nicht. Die nächsten 14 Tage sind schon voll mit Beratungsterminen, aber als Geschäftsführer habe ich viel zu tun. Meistens bin ich um sieben Uhr am Schreibtisch, checke meine E-Mails, habe Meetings mit Kollegen – 20 Minuten, um den Tag zu strukturieren. Und dann klingelt schon immer das Telefon, der erste Notfall ist dran. „Herr Heil kommen Sie bitte vorbei, mein Mann ist gestürzt.” Das Krankenhaus hat heute auch schon angerufen, wir sind in engem Kontakt mit den Sozialdiensten und kümmern uns auch um die Personen, die da entlassen werden sollen. Manchmal ist ambulante Pflege echt ein Kunstwerk. 150 Menschen betreuen wir allein in Tutzing, mit Starnberg zusammen 200. Die Tagespflege, unsere Filiale in Starnberg und die Nachbarschaftshilfe müssen auch organisiert werden. Es ist ein lange gewachsenes Netzwerk.

Manchmal ist ambulante Pflege echt ein Kunstwerk.

Pflegen Sie auch noch selbst?

Ja. Ich fahre nachts raus, mache Hintergrunddienst und Palliativversorgung, was die medizinische Behandlungspflege angeht. Und wenn Mitarbeiter krank werden, sich aber kein Ersatz findet, dann gibt es im Notfall auch noch mich. Auch wenn ich es nicht eskalieren lassen will: Ich kann ja nicht einfach sagen, ich komm heute nicht. Ich arbeite nach wie vor im Alltag draußen. Trotz Leitungsfunktion, weil ich vorher wissen möchte, wo ich meine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen hinschicke, wo sie hinfahren.

Kurz erklärt: Pallivativversorgung
Die Palliativversorgung richtet sich an Menschen mit schwersten Erkrankungen, bei denen eine Heilung nicht mehr möglich ist. Ziel ist nicht die Genesung und Lebensverlängerung, sondern die Linderung von Schmerzen und anderen belastenden Symptomen wie Atemnot oder Übelkeit.

Aus vollem Herzen oder gar nicht

Was treibt Sie an?

Es den Menschen zu ermöglichen, dass sie weiter zu Hause bleiben können, auch wenn sie pflegebedürftig sind. Und auch, dass sie zu Hause sterben können. Das ist es, woraus sich für mich die Freude ergibt. Denn man hat damit die Möglichkeit, den Menschen Halt zu geben, auch den Angehörigen. Es kommt so viel zurück. Mein Privatleben ist sehr stark mit meiner Arbeit verwoben. Aber niemand muss etwas machen, das man nicht machen will. Ich sag immer: Tu es gerne aus vollem Herzen und Überzeugung. Kein Mensch zwingt mich, in der Pflege zu arbeiten.

Gruppenfoto: Armin H. spricht mit einer Seniorin.

Armin H. kümmert sich trotz Leitungsfunktion auch immer noch selbst um die Seniorinnen und Senioren in der Tutzinger Tagespflege. Ihm ist es wichtig, jeden Gast persönlich zu kennen. (Foto: Thomas Dashuber/VdPB)

Was bedeutet gute Pflege für Sie als Pflegedienstleiter?

Zum einen: den Menschen zu sehen, sich Zeit für ihn zu nehmen und ihn nach den neuesten Standards der Pflege zu versorgen. Deshalb bilde ich mich laufend fort. Auch die Angehörigen zu beraten – das mit dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) und der Pflegeversicherung ist sehr kompliziert. Es ist unsere Aufgabe, den Laien zu erklären, wie das Ganze funktioniert. Eins muss den Leuten klar werden: Gute Pflege kostet Geld. Mir tut es leid um jeden Menschen, der die finanziellen Mittel hätte und sich aber keine Pflege leistet, weil er es zusammenhalten will, um es zu vererben. Auch wenn er dann sehr einsam ist.

Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) führt Begutachtungen für die gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherungen durch und ist für die Sicherung der Pflegequalität zuständig. Seine Hauptaufgabe ist die Begutachtung von Pflegebedürftigkeit. Die rund 7.000 MDK-Beschäftigten bewilligen außerdem Gelder, unter anderem für Arzneimittel, Palliativversorgung und verschiedene Therapien. Rund 30 Prozent von ihnen kommen selbst aus der Pflege.

Zum anderen: Ich komme selbst aus der Pflege und deshalb schikaniere ich meine Mitarbeiter auch nicht so, dass ihnen die Luft ausgeht. Wenn ich mich irgendwann so verbiegen muss, dass ich sagen muss, ich kann Pflege nicht mehr verantworten, dann hör ich auf.

Wenn ich mich irgendwann so verbiegen muss, dass ich sagen muss, ich kann Pflege nicht mehr verantworten, dann hör ich auf.

Fehlt es uns an Respekt vor dem Alter?

Wenn du heute als alter Mensch ins Krankenhaus kommst, dann solltest du einen guten Begleiter haben. Die Krankenhäuser haben auch personelle Engpässe, die Ärzte chronisch wenig Zeit. Roboter sind ebenfalls keine Lösung, denn Menschen brauchen Menschen. Mit der Entwicklung bin ich sehr skeptisch. Wenn die persönliche Leistung nichts mehr wert ist, dann bewegen wir uns in die falsche Richtung.

Es ist 5 nach 12

Zeit für eine kurze Bestandsaufnahme: Wie ist es um die Pflege aktuell bestellt?

Es ist 5 nach 12. Die jüngere Generation sollte sich mal grundsätzlich damit beschäftigen, dass es unser heutiges Pflegesystem in 10, 20 Jahren nicht mehr geben wird. Wenn wir nicht jetzt sofort anfangen, uns auf die Zukunft vorzubereiten, dann gehen wir keinen guten Zeiten entgegen. Eine Lösung könnten wohngemeinschaftliche Modelle sein – als gute Alternative zu stationären Einrichtungen.

Auf die Bevölkerungsentwicklung und den daraus zwangsläufig resultierenden Pflegenotstand gibt’s keine Antwort. Auch nicht von der Politik. Ein Lichtblick ist, dass es nun die Vereinigung der Pflegenden in Bayern gibt, die sich des Themas annimmt. Es wird immer schwieriger, alle Anfragen zu bedienen. Vor 30 Jahren war der Pflegeberuf noch anerkannt, da hieß es noch „Du gehst in die Pflege, das ist was Tolles.“ Heute ist es ein No-Go. Das Image, das die Pflege hat, hat sie nicht verdient.

Das Image, das die Pflege hat, hat sie nicht verdient.

Können Angehörige professionelle Pflege leisten?

Angehörige, die pflegen, brennen oft aus. Kann ein Laie pflegen? Klar, einen anderen Menschen abduschen kann jeder, aber die richtigen Handgriffe tun, mit Demenz umgehen, Situationen richtig einschätzen, das kann ein Laie nicht. Und was ist die Folge: Das Zwischenmenschliche zwischen Angehörigen und Betroffenen geht verloren, weil Angehörige schnell in die Überforderung kommen und dann nicht mehr in der Lage sind, sich Hilfe zu holen. Man muss akzeptieren, dass Menschen nicht bereit sind, die Pflege anzunehmen, bis es wirklich zu spät ist. Und sich damit in einen Zustand manövrieren, der schlimmer ist, als wenn man kontinuierlich Hilfe zulässt.

Muss man ein schlechtes Gewissen haben, wenn man als Angehöriger nicht selbst pflegt?

Es gibt bestimmt unausgesprochene Erwartungshaltungen, dass Kinder sich um ihre Eltern kümmern sollen. Aber bei der heutigen Arbeitsdichte, dieser enormen Schnelligkeit des Lebens … Und dann noch pflegen? Da bleibt irgendwas auf der Strecke, so geht das nicht. Was auf jeden Fall wichtig wäre: Angehörige sollten sich regelmäßig Auszeiten ermöglichen, wenn sie zu Hause pflegen wollen. Sie sollten die Tagespflege annehmen. Wer das nicht tut, ist nicht gut beraten. Unsere Angehörigen zum Beispiel sind einfach nur dankbar dafür, dass Mama acht Stunden lang versorgt ist, nachts gut schläft und dann tagsüber viel ausgeglichener ist. Deshalb sage ich: Die Menschen sollten diese Möglichkeiten viel mehr nutzen.

Ältere Menschen haben oft Ängste, sich der neuen Situation zu stellen, auch weil sie denken, „mein Angehöriger will mich weggeben“. Aber wenn man Pflege auf mehrere Schultern verteilt, dann ist sie gut machbar. Hier zu beraten und zu helfen, ist unser Auftrag als Pflegende.

Die Besonderheiten der ambulanten Pflege

Wie weit geht die Entscheidungsfreiheit eines ambulanten Pflegedienstes?

Wir dürfen nicht therapieren, aber der MDK darf im Pflegegutachten feststellen, was der Mensch braucht – und das machen heute Pflegende. Das ist schon mal ein erster Schritt in die richtige Richtung. Der nächste Schritt wäre, dass die Pflegenden vor Ort selbst entscheiden, was der Patient braucht. Und auch, dass die Kassen so unterschiedliche Vorgaben zur Ausführung der Leistungen machen, ist nicht immer leicht. In der ambulanten Pflege dagegen darf man völlig arztfrei agieren, es sei denn, es geht um medizinische Behandlungspflege.

Nahaufnahme: Eine Hand nimmt einen von vielen Schlüsseln von einem Schlüsselsafe. Ambulante Pflege geht über die vereinbarten Leistungen hinaus: Die Pflegekräfte haben ein offenes Auge für alle Bedürfnisse der Menschen, die sie betreuen. (Foto: Thomas Dashuber/VdPB)

Das ist interessant. Hat die ambulante Pflege denn allgemein mehr Spielraum?

Sie hat den Vorteil, dass auf Bedürfnisse ganz anders und individuell eingegangen werden kann. Die Struktur in einem Heim oder auf einer Station ist völlig anders. Wir sind Gast im Zuhause des Patienten. Wir haben einen großen Vertrauensvorschuss, haben den Schlüssel, dürfen da eintreten. Ich sehe viel … ob Post … ob Medikamente rumliegen und kann auch damit helfen, wenn Not am Mann ist. Ich würde nie Schubladen aufziehen, aber wir bewegen uns im Häuslichen ganz anders als Fremde. Wir leisten viel mehr, als der MDK-Katalog vorsieht. Unser Auge ist so geschärft, dass es einfach gleich Defizite erkennt – das fängt bei der Sturzprophylaxe an, wenn zum Beispiel Telefonkabel rumliegen, was einem Laien vielleicht gar nicht auffallen würde. Man hat einfach einen Blick für die wichtigen Dinge im Leben eines älteren, pflegebedürftigen Menschen.

  • Armin H. sitzt am Computer. Gemeinsam mit seinen rund 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hält Armin H. das Herz des Pflegevereins „Ambulante Krankenpflege Tutzing e. V.“ am Schlagen: Rund 1.200 Einwohner der 10.000 Seelengemeinde am Starnberger See sind Mitglieder und unterstützen die Arbeit von Armin H. und seinem Team. (Foto: Thomas Dashuber/VdPB)
  • Übersichtsaufnahme: Eine Ordensfrau steht vor einem VW-Käfer, der mit „Ambulante Krankenpflege“ beschriftet ist. Armin H. tritt in tiefe Fußstapfen: Den Pflegedienst in Tutzing gibt es seit fast 100 Jahren. Anfangs fuhren die Pflegenden mit Mofas und Fahrrädern zu ihren Patienten – Mitte der 50er Jahre auch mal mit einem VW-Käfer. Heute sind sie mit quietschroten Kleinwagen unterwegs. (Foto: Thomas Dashuber/VdPB)
  • Armin H. zeigt auf einen Computerbildschirm, auf dem ein Pflegedienstplan zu sehen ist. Einen „Standard-Arbeitstag“ gibt es in Armin H.s Tätigkeit als Pflegedienstleiter nicht. Zu seinen festen Aufgaben gehört jedoch immer die Tourenplanung, was manchmal auch gar nicht so unkompliziert ist. (Foto: Thomas Dashuber/VdPB)
  • Armin H. steht im Freien vor einer Tür. Als Pflegedienstleiter ist Armin H. viel unterwegs. Zusätzlich zur direkten Pflegedienstleitung übernimmt er als Geschäftsführer seiner Einrichtung auch viele Auswärtstermine. Es ist ihm wichtig, sich mit anderen Einrichtungen und Trägern zu vernetzen und so eine möglichst gute Zusammenarbeit zwischen allen Diensten zum Wohle der Menschen zu gewährleisten. (Foto: Thomas Dashuber/VdPB)
  • Armin H. und einer Angehörigen im Gespräch. Sie beugen sich über Informationsbroschüren. Im komplizierten Dschungel von Pflegedienstleistungen und Pflegeversicherung finden sich die wenigsten Laien zurecht. Eine intensive und fachlich kompetente Beratung durch die Pflegenden ist deshalb sehr wichtig. (Foto: Thomas Dashuber/VdPB)
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